Vereinschronik

Bis zur Grünsung am 28. Februar 1914

Der 1889 gegründete Turnverein nahm bis in die Jahre 1909/10 die sportlichen Belange in Wissen wahr. Jedoch machte die Entwicklung der Sportvereine auch vor unserer engeren Heimat nicht halt. Nachdem sich in Borussia Kirchen, TV Betzdorf, SC 09 Brachbach, SV Dattenfeld, TuS Schladern u. a. mehr reine Sportvereine bzw. Vereine mit Sportabteilungen gebildet hatten, wurde auch in dem mit seiner Industrie rasch wachsenden Ort Wissen der Wunsch nach einem Sportverein stärker. Und wie fing es an?

Amtsbaumeister Ernst Ketzer, der zur damaligen Zeit als Student in Höxter war, war derjenige, der dem Fußball in Wissen zum Einzug verhalf. Mit den beim FC Höxter gesammelten Erfahrungen innerhalb eines geregelten Spielbetriebs war er der Fußballpionier, um den sich sportfreudige Kameraden scharten. Sie trafen sich allabendlich auf dem Kirchplatz (!) und machten, was durchaus nicht selbstverständlich war, mit einem richtigen Fußball die ersten Versuche. Auch auf den Wiesen an der Hachenburger Straße, auf dem Gelände der heutigen Walzwerkssiedlung, jagte man dem runden Leder nach. Schnell war ein Stamm geschaffen, der mit fußballfreudigen Turnern unter dem Namen des Turnvereins schon Spiele mit anderen Vereinen austrug.

Dabei hatte die neue Sportart in Wissen wie in ganz Deutschland mit großen Vorbehalten zu kämpfen. Der Stuttgarter Turnlehrer Karl Planck hatte noch 1898 ein viel verbreitetes Buch unter der Titel „Fußlümmelei – Über Strauchballspiel und englische Krankheit“ veröffentlicht. Darin hieß es: „Zunächst ist der Tritt gegen einen Fußball ja schon, auf die bloße Form der Bewegung hin gesehen, häßlich. Das Einsinken des Standbeins ins Knie (...), das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum Affen. Welcher Bildhauer würde sich von einer solchen Erscheinung zu künstlerischer Darstellung begeistern lassen ?“

Auch der Vorstand des WissenerTurnvereins sah dem fußballerischen Treiben in den eigenen Reihen mit offener Mißbilligung zu.

Der Wunsch nach einem eigenen Sportverein wurde unter den Fußballern daher immer stärker. Mit dem BC Wissen, der sich später den Namen FC Phönix gab, wurde unter dem zielstrebigen Vorsitzenden E.Duisberg 1910 der Schritt in die Unabhängigkeit von den Turnern vollzogen. Die ablehnende Haltung zum Fußball blieb, auch die ungelöste Sportplatzfrage und materielle Schwierigkeiten kamen hinzu, so daß der junge Verein bald wieder einging. Auch ein neuerlicher Versuch, es mit den Turnern gemeinsam zu versuchen, scheiterte nach wenigen Monaten.

Eine völlig neue Situation ergab sich durch den Bau des Wissener Walzwerkes in den Jahren 1910 bis 1912. Die Einwohnerzahl der Gemeinde stieg von 7.300 im Jahr 1905 innerhalb von weniger als 10 Jahren auf über 11.000. Viele Neubürger, oft vom Rhein und aus dem Saarland kommend, fanden im 1912 eröffneten Walzwerk oder auf der Alfredhütte Arbeit.

Unter ihnen war auch Ernst Kroth aus Andernach, der von der Neunkirchener Eisenhütte als Bürovorsteher zum Weißblechwerk wechselte. Auch der Neunkirchener Wilhelm Bautz kam aus beruflichen Gründen von der Saar an die Sieg. Beide waren Fußballfreunde, fanden aber an ihrem neuen Wohnort Wissen keinen Verein und kickten deshalb zuerst bei Borussia Kirchen.

Es dauerte aber nicht lange, bis die beiden der Fahrten nach Kirchen überdrüssig wurden und im Laufe des Jahres 1913 Kontakt mit sportbegeisterten Kollegen und der Wissener Sportjugend suchten. Die von den beiden einberufenen Vorbesprechungen fanden großen Zulauf, so daß am 28. Februar 1914 im Lokal Strucks die Gründungsversammlung des ,,Vereins für Bewegungsspiele“ stattfand. Der Name des neuen Vereins ging auf einen Vorschlag Ernst Kroths zurück, der sich dabei am Vorbild des VfB Borussia Neunkirchen angelehnt haben dürfte.

Die Teilnehmerliste dieser Gründungsversammlung ist überliefert und weist folgende Namen aus:
Ernst Kroth
Wilhelm Bautz, Wissen, Steinbuschstraße
Hermann Becher , Niederhöveis
Anton Becker, Wahlwies, Amt Stockach (Baden)
Eugen Brücher, Wissen, Gymnasialstraße
Hubert Elben, Wissen, Rahmstraße
Franz Frank
Heinz Grunewald, Eitorf,
Ernst Ketzer, Wissen, Kapellenstraße
Paul Ketzer
Hermann Kreit
Dr. Josef Krombach, Betzdorf, Alsdorfer Straße
Martin Metzler
Gustav Meyer
Karl Meyer, Iserlohn, Heinrichsallee 52
Josef Rick, Wissen, Grüner Weg
Peter Seifer
Anton Seifer
Engelberth Seifer
Paul Seifer
Otto Schmitz, Wuppertal-Elberfeld, Osterbaumstraße 42
Paul Schwarz
Willi Stangier, Köln-Brühl, Rosenhof 20
August Steinstraß
Bernhard Stolz
August Uckerseifer, Wissen, Bahnhofstraße
Hermann Wingendorf, Wissen-Alserberg

Als Jugendliche schlossen sich dem Verein sofort an:
Kasper Bender, Wissen, Gerichtsstraße
August Böhmer, Wissen, Flachsstraße
Willi Böhmer, Wissen, Birkener Straße
Willi Dasbach
Heinrich Fischer, Hamm/Sieg, Friedhofstraße
Paul Kemper
Peter Kemper, Wissen, In der Deubach
Hermann Kempf, Wissen, Birkener Straße
Albert Ketzer, Kiel-Elmschenhagen, Pritzerchaussee 178
Karl Kreit, Wissen, Bergstraße
Ernst Kreit, Schönstein
Hermann Müller, Wissen-Alserberg
Willi Rödder, Köttingerhöhe bei Wissen
Willi Schmallenbach, Wissen, Im Schmittchen
Willi Schmidt, Bad Godesberg, van Grootplatz 21
August Selbach, Betzdorf, Karlstraße
Hubert Stangier, Lennep-Remscheid, Am Drosselsang 12
Josef Steinstraß, Köln-Bensberg, Kiefernweg 10

Die beiden Initiatoren der Veranstaltung übernahmen auch sofort die Vereinsführung: Ernst Kroth wurde Vorsitzender, Wilhelm Bautz sein Stellvertreter. Heinz Grunewald übernahm das Amt des Schriftführers, August Steinstraß wählte die Versammlung zum Kassierer.

Die Mitglieder gingen nicht auseinander, ohne auch gleich zwei Vereinslieder gesungen zu haben. Der Autor und die zugehörige Melodie sind nicht überliefert, wohl aber die Texte. Die nachfolgend zitierten zwei von insgesamt sechs Strophen dokumentieren einerseits die neuen Farben und andererseits den durchaus geselligen Charakter des jungen Vereins:

Strömt herbei, Bewegungsspieler, schart Euch ums Vereinspanier.
Alle Zeit des Sportes Schüler, stolz erhebt das Glas mit mir.
Stoßet an, die Gläser klingen, Freunde weilt in unserm Kreis.
Helle Lieder laßt uns singen von den Farben blau und weiß.
Blau erglänzt auf unserem Schilde, leuchtet unbefleckt und rein,
und es wird in seiner Milde stets des Weißen Beistand sein.
Rein soll unsere Ehre glänzen, rein sei unsres Strebens Preis,
und der Reinheit Blüten kränzen: Unsre Farben blau und weiß.

  Von 1914 bis 1926

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